An meine Liebe

Aus den zehn im Buch vorhandenen Erzählungen soll hier die erste vorgestellt werden.

Der erste Liebesbrief

Meine Liebe,
jeden Tag, an dem ich in Berlin unterwegs bin, halte ich nach dir Ausschau. In der S-Bahn. Beim Einkaufen. Im Kino. Doch bisher ohne Erfolg. Ich habe dich immer noch nicht gefunden – nach so vielen Jahren.

In der Zwischenzeit schloss ich viele neue Freundschaften und lernte dadurch meine Stadt aus anderen Augenwinkeln kennen. Davor kannte ich kaum die großartigen Ecken und Plätze, die Berlin zu bieten hat. Sei es der Hackesche Markt, wo die Touristen bis in die lauen Sommerabende hinein bei Kerzenschein sitzen, den Straßenmusikern lauschen und den Feuerspuckern zusehen. Oder im Prenzlauer Berg die Kastanienallee, wo die Studenten auf und neben den Straßenbahngleisen hocken, ein gemütliches Bier trinken und über die Welt und das Leben philosophieren. Oder die Tanzbars der Stadt – das Ballhaus, die Kalkscheune, das Knaack und das Kaffee Burger, in dem sich nach einem Glas Wodka und heißen Balkan-Beats nicht nur die Tanzfläche dreht.

Doch trotz aller Freundschaften kann es passieren, dass man irgendwann an den Punkt gelangt, wo man sich fragt, ob das alles gewesen sein soll. Ob die Liebe, diese eine große, überhaupt existiert oder gar existieren kann.

In meinen Augen ist die Antwort klar, weshalb ich insgeheim den Wunsch hege, das letzte, noch fehlende Puzzleteil des großen Ganzen zu finden. Denn dieses Teil bist du – die Unbekannte.